E-Paper - 21. August 2012
Frauenfelder Nachrichten
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Brigitte Späth hat die Hoffnung auf Heilung noch nicht aufgegeben, dennoch ist sie sich bewusst, dass die Chance, wieder einmal auf eigenen Füssen stehen zu können, klein ist. Und auf bessere Zeiten warten? Das ist nicht ihr Ding. Sie will selbständig sein und sich bewegen können. Als sie sich mit alltäglichen Situationen, wie sich anziehen und kochen, wieder zurecht fand, wollte sie auch Dinge unternehmen, die ihr Spass machen. Bereits im Paraplegikerzentrum Nottwil sah sie jeweils sehnsüchtig auf den Sempachersee und erinnerte sich an ihre Schwimmaktivitäten. «Ich bin am See aufgewachsen und war eine gute Schwimmerin», erzählt sie. Als sie dann das erste Mal nach dem Unfall ins Wasser durfte, gewann sie ein Stück Leben zurück. Diese Freiheit wollte sie auch in ihrem Zuhause in Kreuzlingen geniessen, wurde aber enttäuscht.

Nicht fertig gedacht

Das Hallenbad Kreuzlingen verfügt zwar über einen Poollift für das Nichtschwimmerbecken, jedoch fehlt ein Behindertenparkplatz sowie -WC. «Was nützt es mir, wenn ich eigentlich ins Wasser kommen könnte, mir es aber unmöglich ist, aus dem Auto zu steigen?», so Späth verärgert. Die Badibetreiber meinen es zwar meist gut, doch vergessen sie häufig Details, welche für Gehbehinderte von grosser Bedeutung sind. So seien die Umziehkabinen mit dem Rollstuhl befahrbar, aber die Sitzbänke oft viel zu schmal, um sich alleine umziehen zu können. Ohne Hilfe ist Brigitte Späth so oder so aufgeschmissen. Ihr Mann ist ihr treuer Begleiter, doch auch er sei nicht Tarzan und könne sie nicht überall hin tragen.

Vorbildliches Ausland

Während im Ausland immer mehr Strände für Rollstuhlfahrende eingerichtet sind, sieht es in der Region eher mager aus. «Als wir in den Ferien am Meer waren, konnte man dort sogar meerestaugliche Rollstühle ausleihen und der Weg am Strand war mit Brettern ausgelegt», so Späth. Eine Umfrage in den Schwimmbädern der Region zeigt, dass ausser dem Schwimmbad Frauenfeld sie mittel bis schlecht eingerichtet sind. Sie hätten wenige bis gar keine Gehbehinderte, so die Ausrede. Brigitte Späth weiss auch wieso: «Ist ein Schwimmbad nicht für mich eingerichtet, suche ich es auch nicht auf.» Bis jetzt sei zwar schon einiges bezüglich Rollstuhlgängigkeit verbessert worden, doch es könne noch mehr geschehen. Schliesslich werden die Menschen immer älter und seien häufig nicht mehr gut zu Fuss unterwegs, da werde bereits eine Treppenstufe zum Problem. In diesem Zusammenhang hat Procap, die Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Behinderung, sämtliche Schwimmbäder auf ihre Rollstuhl-Zugänglichkeit untersucht. Weitere Infos dazu unter www.goswim.ch.

«Wir müssen uns zeigen»

Heute ist Brigitte Späth eine treue Besucherin der Seebadi Röösli in Bottighofen, doch auch das Baden im See musste getestet werden. «Wir versuchten es mit dem normalen Rollstuhl, nur war das Ein- und Aussteigen sehr mühsam und danach tropfte dieser dann noch Tage, was nicht gerade von Vorteil war», erzählt sie mit einem Schmunzeln. Also machte sie sich im Internet schlau und wurde fündig. «Ich bin zwar mit meinem Strandrolli ein Exot, doch ich kann nun auch im See und im Meer schwimmen, das ist alles was zählt.» Auch im Strandbad Eschenz wurden diese Rollis gesichtet, als eine Behindertengruppe zu Besuch war. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass, wenn solche Rollstühle zum Verleih angeboten werden, sie auch genutzt werden», so eine Mitarbeiterin des Strandbades. Dennoch grösstenteils stösst man bei den Badis auf dasselbe Echo: Die Nachfrage sei nicht vorhanden. Das glaubt Brigitte Späth nicht und rät: «Rollstuhlgänger müssen sich mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Nur so werden wir wahrgenommen. Ansonsten werden wir immer wieder vergessen.» mfr

Frauenfelder Nachrichten vom Dienstag, 21. August 2012, Seite 3 (314 Views)

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