E-Paper - 06. Dezember 2018
Frauenfelder Nachrichten
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Stalking: «Ich fühlte mich wie

ein gehetztes Wild»

Von Roland Schäfli

National- und Ständerat haben der elektronischen Fussfessel zugestimmt, um Stalker besser im Griff zu haben. Warum das Rayonverbot bei weitem nicht ausreicht, zeigt der Fall einer Thurgauerin. In Frauenfeld lauert ihr ein Stalker auf seit Jahren.

Frauenfeld Die Frauenfelder SVP-Nationalrätin Verena Herzog setzt sich für eine Gesetzesänderung ein: eine Haftstrafe von sechs Jahren für Stalking soll Abschreckungspotential beweisen (siehe Interview). Eine Thurgauerin hofft mehr als andere, dass eine Gesetzesvorlage Stalker hinter Gitter bringt. Ihr Ex-Freund verfolgt sie, bedroht sie mit dem Tod.

Das Leben zur Hölle gemacht

Wie eingeschränkt der Bewegungsradius des Stalking-Opfers ist, zeigt schon die Schwierigkeit, einen Treffpunkt auszumachen. Frauenfeld geht gar nicht. «Da kann ich ohne Perücke nicht mehr hin.» Andere Cafés scheiden aus, weil sie in Bahnhofsnähe liegen. Dort «patrouilliert» ihr Stalker. Die Gesten der heute 56jährigen Frau wirken fahrig. Sie muss sich im Gespräch stark konzentrieren. Wenn ihr bestimmte Worte entfallen, greift sie sich an den Kopf. «Der jahrelange Stress hat geistige Löcher hinterlassen.» Bei manchen Fragen entschuldigt sie sich: «Das strengt mich zu sehr an.» Nennen wir sie Simone. Auch der Name ihres Stalkers wird hier anonymisiert wiedergegeben.

Begegnung mit Folgen

Nichts deutet am ersten Treffen auf den Terror der folgenden Jahre hin. Eine zufällige Unterhaltung im Zug. Er, ein nicht unattraktiver Kurde, verloren in diese fremde Welt blickend. Sie, interessiert an anderen Kulturen, ausgestattet mit sozialer Mildtätigkeit. Ihm sei der Besuch des Frauenfelder Kinos «Luna» empfohlen, ein Film über seine Volksgruppe werde gezeigt, sagt sie ihm. Weil er den Weg nicht kennt, kommt sie abends zum Bahnhof, um ihn bis zum Eingang zu bringen.

Sex mit roher Gewalt

Doch in den Film will Mansur gar nicht. Er überredet sie zum Spaziergang im Park. Wo er sich bald mit Küssen aufdrängt. Sie weist auf ihren Ehering. «Kein Problem», sagt Mansur. Da begeht Simone ihren grössten Fehler: sie lässt sich in seiner Wohnung auf einvernehmlichen Sex ein. Und zählt am Morgen danach ihre blauen Flecken. «Von Zärtlichkeit war nichts zu spüren.» Sie beichtet ihrem Mann. Doch damit ist die Affäre nicht vorbei. Denn Mansur erhebt seinen Besitzanspruch. Simone bringt Verständnis für den vorbelasteten Mann auf: seiner aus Schlägen bestehende Kindheit folgte wahrscheinlich ein Militäreinsatz in der PKK, schliesslich Gefängnis, Folter. In einer Art von Sozialromantik hofft sie, dem 10 Jahre jüngeren Mann den Umgang zwischen Frau und Mann in der Schweiz beizubringen. Von dieser Illusion ist bald nichts mehr übrig. Wenn Simone seinen patriarchalischen Ansprüchen widerspricht, setzt es Schläge. Todesdrohungen, wenn sie der «Beziehung» ein Ende setzen will. In der sie vergewaltigt wird. Was sie heute nicht beweisen kann. Als sie sich endgültig von ihm trennt, beginnt das Stalking. 60 Mal täglich klingelt das Telefon. Mansur taucht mitten in der Nacht auf. Läutet die Nachbarn aus dem Bett. Rekrutiert türkische Kumpane als Stalker, die «seine Frau» überwachen sollen. Er bedroht ihren Freundeskreis, der dadurch zunehmend schrumpft.

Sie muss sich tarnen

Als er eines Nachts wieder an den Türen rüttelt, ruft sie die Polizei. Die setzt ihn in den Zug nach Frauenfeld. In derselben Nacht steht er wieder vor ihrer Tür. Beim vierten Vorfall führt die Polizei ihn in Handschellen ab. In die Notfallpsychiatrie in Münsterlingen, wo seine Besessenheit nach drei Wochen nicht kuriert ist. Am Ende ist sie es, die ihre Gewohnheiten umstellt. Orte meidet, an denen sie ihn antreffen könnte. Er wohnt als Sozialhilfebezüger in Frauenfeld, hält sich oft am Bahnhof auf. Wenn gegen Monatsende die Sozialhilfegelder erschöpft sind, kann sie sich aus dem Haus wagen. Simone verändert ihr Aussehen. Weil ihre Mutter in Frauenfeld Pflege braucht, geht sie mit Perücke, verkleidet sich. Sie überlegt sich, das Land zu verlassen.

Rayonverbot gebrochen

Statt dessen bringt sie den Fall vor Gericht. Sie muss sich rechtfertigen: warum sie ihre Telefonnummer nicht gewechselt habe? Die Anwaltskosten sind üppig. 25‘000 Franken aus dem eigenen Sack. Mansur lässt sich von einem Pflichtverteidiger vertreten. Das Bezirksgericht spricht die superprovisorische Verfügung aus: bis 2020 gilt ein Rayon- und Kontaktverbot. Verstösst Mansur gegen die Auflagen, drohen ihm 60 Tage Gefängnis. Er zieht das Urteil weiter. Im April muss Simone vor Obergericht Thurgau zum vierten Mal gegen ihn antreten. Dass es sich wenig um das Rayonverbot schert, hat er mehrfach bewiesen. Darum glaubt Simone auch nicht, dass eine elektronische Fussfessel ihn im Zaum halten würde. National- und Ständerat haben sich zum Ziel gesetzt, mit der Fussfessel Kontaktverbote besser durchzusetzen. Halten Stalker sich nicht an die Auflagen, gelten die Aufzeichnungen als Beweis. Eingreifen kann die Polizei nicht unmittelbar. Der Bundesrat verzichtet auf Echtzeit-Überwachung. Weil den Kantonen die Ressourcen fehlen.

Haftstrafe wieder einführen

Verena Herzog will in der Grossen Kammer weitergehen: «Mit meiner Motion will ich Druck aufsetzen, damit bei der Überarbeitung des Bundesgesetzes über die Harmonisierung des Strafrahmens, die bereits in der Planung ist, ein neuer Gesetzesartikel für Stalkingfälle ausgearbeitet werden kann.» Dass schwierig zu erfassen ist, was als «Stalking» bezeichnet werden kann, ist ihr bewusst. Die Grenzen zwischen Aufdringlichkeit und Belästigung sind fliessend. «Da ist die vorberatende Kommission nun gefordert, diese Grenzen zu definieren. Und wenn nicht engmaschig genug definiert wird, werden weitere Fälle durch die Maschen fallen.»

Stalker mit Flüchtlingsstatus

Die Arbeit im Gesundheitswesen wird Simone bald aufgeben müssen, weil Mansur sie auch dort terrorisierte. Bei jedem Geräusch schreckt sie auf. Die letzten fünf Jahre haben ihr alle Energie geraubt. Obwohl Mansur bei der Polizei aktenkundig ist und Verfahren wegen Tätlichkeit gegen ihn laufen, hält sich der anerkannte politische Flüchtling aus Kurdistan weiter in der Schweiz auf, weil zuhause eine Gefängnisstrafe auf ihn wartet.

Frauenfelder Nachrichten vom Donnerstag, 6. Dezember 2018, Seite 1 (30 Views)

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